Freitag, 16. Januar 2009

Prolog: Mode in Zeiten der Rezession

Bis zu zwölf Catwalk-Stopps passen in einen Mailand-Tag, da ist klar im Vorteil, wer sich (noch) per Limousine von der hippen Event-Location zur winzigen Galerie, zum Showroom-Termin und vom Quick-Lunch zur nächsten mittelgroßen Mehrzweckhalle kutschieren lassen darf. Hinter getönten Scheiben werden dann T-Shirts gewechselt, einfache Windsors gebunden, wird das Eau de Cologne aufgefrischt - und bei Designer-Mineralwasser hemmungslos gelästert. Über First-Row-VIPs, den heillos in Verzug geratenen Schauenplan, Kollegen die zu eifrig, zu faul, zu dick, zu faltig oder einfach ohne aktuelle IT-Bag unterwegs sind ... Notfalls bleibt das Wetter. Bei angekündigten 6 Grad und Regen für die kommenden Tagen ein Garant für Süffisantes.

Und hier rasch weitere News-Schnipsel für sprachlose Shuttle-Fahrten:
- Couture-Rentner Valentino Garavani hat die Steuerfahndung im Palazzo, und nicht, weil die Finanz-Carabinieri die pensionierte Legende überreden wollten, ihnen neue Uniformen zu entwerfen. 33 Millionen Euro Strafe fordern die Behörden vom dauergebräunten Maestro, der seinen Wohnsitz schon vor Jahren nach London verlegte, sein Unternehmen jedoch in Italien beließ. Statt seine preisgekrönten Rosen zu hegen, dürfte Valentino sich nun häufiger mit Advokaten treffen.

- Spannend wird außerdem, wie die Modelinie gefällt, die Puma mit Alexander McQueen (das Brit-Genie mit Hang zu gut gerüsteten Amazonen) ausgetüftelt hat. Die optisch von der menschlichen Anatomie inspirierten Sneaker des ungleichen Teams haben sich in den letzten Jahren zu Bestsellern entwickelt, weshalb man jetzt wohl auch Lust auf mehr (Umsatz) verspürte.

- Wer raucht eigentlich noch diese zickig-dürren Virginia Slims, die neuerdings in einer taschenzerstäuberschmalen Schachtel dargeboten werden, und bereits 1991 auf dem Schulhof so out waren wie die Frisur "Ruhrpottpalme" schon immer? In der Schweiz warnt die Packung immerhin auch auf Französisch und Italienisch, aber mal ehrlich, auf den Satz "Il fumo danneggia gravemente te e chi ti sta intorno" antwortet man doch eher mit "Si, e due Grappe, per favore" als sich beim Qualmen schlecht zu fühlen.

- Gespannt darf man sein, was dem sympathischen Powerduo Tommaso Aquilano und Roberto Rimondi (vom Label 6267) für ihr Männerdebüt bei Gianfranco Ferré eingefallen ist. Ihre Premiere bei den Damen im vergangenen September wurde jedenfalls kräftig bejubelt.

- Hoffentlich gibt es überhaupt Mode zu sehen. Seit Air France-KLM sich die Altialia einverleiben, fürchtet man in Mailänder Ateliers eine Verschwörung gegen den Modestandort Italien. Wird der Flugplan Richtung Milano-Malpensa ausgedünnt, werden Rom und Paris gestärkt und Mailand Glanz nehmen? Nicht nur Strickveteranin Rosita Missoni zeigte sich in einem WWD-Artikel äußerst besorgt über die neue French Connection der Ex-Staatsairline. Mich hätte eher interessiert, warum die Koffer am in Mailand offensichtlich über Paris ausgeladen werden ...

- Und schließlich DIE KRISE. Werden wir alle nur noch Grau tragen crisis statt cross-dressing? Werden Kollektionen bloß noch von einem Model präsentiert, dass sich siebzigmal umzieht? Wird die Musik von leiernden Flohmarkt-Mixtapes statt vom Star-DJ krakelen? Ist tab water der neue Champagner und ein Trenchcoat zum Hybrid-Kombi-Preis bald verblasste Erinnerung? Brioni-Chef Andrea Perrone sieht eher eine immer stärkere Rückbesinnung auf Qualität und sicht- und fühlbaren Gegenwert voraus, nicht weniger würde ausgegeben, bloß für bessere Produkte. Der eine oder andere sorgenvolle Blick wird aber auch in die Zukunft einer Branche geworfen, die trotz milliardenschwerer Umsätze in ihrem kreativen Kern auch zerbrechlich blieb.

Höchste Zeit jetzt zum Kofferpacken!

Bis morgen ...

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