Wenn man Anna Wintour heißt, also die berühmte Chefin der amerikanischen Vogue ist und entsprechend einflußreich, dann geht die New Yorker Fashion Week ungefähr so: Man kommt pünktlich zu den großen Shows etwa der des Modemachers Max Azria, auch wenn man weiß, dass sie mindestens eine halbe Stunde später anfangen. In der ersten Reihe sind ein Duzent Plätze für das eigene Magazin reserviert. Man trägt ein schönes Designerkleid, die Haare wie stets perfekt zum glatten Bob gefönt und hält gut gelaut Smalltalk mit den Kolleginnen. Entgegen aller Erwartungen trägt man keine Sonnebrille und erscheint auch viel freundlicher als der eigene Ruf. Wer sie so sieht, kann nicht verstehen, wie die Chefredakteurin zur Inspiration für die Titelrolle in "Der Teufel trägt Prada" wurde.
Das Zelt am Bryant Park, wo die meisten Schauen stattfinden, wird zunehmens voller, obwohl alle Sitzplätze schon besetzt sind. Nach einer halben Stunde wird man als Anna Wintour ungeduldig und die Körpersprache eindeutig: Die Arme werden verschränkt, die Mundwinkel wandern nach unten. Das Signal kommt an. Sofort geht das Licht aus und die Musik an. Jetzt erst setzt man - als Einzige - seine schwarze Sonnenbrille auf und betrachtet die schönen langhaarigen Grazien, die in den nächsten 15 Minuten trotz schwindelerregend hoher Schuhe über den Laufsteg schweben. Die fleißenden Stoffe der kunstvoll drappierten Kleider, die seidigen Overalls, die schmalen Taillen und feinen Volumen, die die weiblichen Rundungen betonen, auch wenn die Models natürlich keine haben. Während alle Kolleginnen um sie herum begeistert Notizen machen, hat Anna Wintour die Arme im Schoß und nur manchmal neigt sich ihr Körper nach vorn, um einem Model länger folgen zu
können. Ihre Augen bleiben versteckt.
Als zum Abschluß nochmal alle 20 Schönheiten auf dem Laufsteg die Eleganz der Entwürfe präsentieren, greift man als Anna Wintour bereits zu seiner Handtasche. Und während der 60-jährige Designer sich vor seinem applaudierenden Publikum verneigt und für die Erfüllung seines Namensmotto "Bon chic, bon genre" wieder gefeiert wird, ist man mit seinem Gefolge längst aus dem Zelt geeilt. Und hat dabei auch eine Spur Glamour mitgenommen.
Glamourös geht es jedenfalls in der anschließenden Perry Ellis Schau nicht zu. Sportlich tragbare Mode für Männer, ein bisschen College-Look in Pastelltönen, ein bisschen langweilig, wären nicht die Models, die den Baggypants, Shorts, Westen und Strickhoddies ein wenig Charakter verleihen würden. Ja, sie tragen selbst rosa gepunktete Blousons oder lila Bermudas mit Haltung.
Von den Herrschaften in der ersten Reihe macht auch keiner Fotos, sie sehen aus wie Einkäufer großer Kaufhäuser und sind es wahrscheinlich auch, schließlich ist Perry Ellis eines der erfolgreichsten Männerlabels in Amerika.
In den nächsten acht Tagen präsentieren noch gut 80 Designer hier an der 42. Strasse ihre Kollektionen für das kommende Frühjahr. Aber wenn man Anna Wintour ist, muss man natürlich längst nicht alle sehen.
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